„Unsere Vision ist es, alle Teilnehmer und Arbeitsprozesse rund um den Hof einfach miteinander zu verbinden und Effizienzgewinne zwischen allen Parteien fair zu verteilen!“

Bild: Tobias Nendel, Frederic Krahforst und Michael Bücker (v. l. n. r)

Interview: Frederic Krahforst ist Mitgründer und Geschäftsführer des Münchener Logistik-Startups TradeLink, das in dieser Woche eine Investitionsrunde über 3 Millionen EUR verkünden wird. Wir haben vorab mit Frederic darüber gesprochen, was er und seine Gründerkollegen Tobias Nendel und Michael Bücker mit Ihrem Startup erreichen wollen.

Frederic, TradeLink wurde von uns am 29. September bereits als spannendes Startup im BVL.digital Live-Webinar “Innovationstreiber Logistik – 6 frische Startups, die Sie noch nicht kennen” vorgestellt und Ihr wurdet bei der Umfrage der Bundesvereinigung Logistik zum innovativsten Startup gewählt. Gratulation hierzu! Wie erklärst du Kunden und Investoren, was TradeLink genau macht?

Wir helfen Firmen und Logistikern mehr Transparenz in ihre Lieferprozesse am Hof zu bekommen. Es ist heute auf vielen Höfen noch so, dass die Abstimmung mit Partnern zeitaufwändig, fehleranfällig und arbeitsintensiv ist. Das führt dazu, dass die entsprechenden Mitarbeiter ständig mit Stress, Überraschungen und aufwendiger Recherchearbeit konfrontiert sind. Das ist frustrierend und teuer. Wir bieten Firmen ein transparentes Hofplanungstool, welches bestehende Papier, Excel- oder Outlook-Notlösungen mit wenigen Klicks ablöst, und auf das alle Mitarbeiter sofort zugreifen können. Darüber hinaus ermöglichen wir Firmen, sich sehr einfach mit ihren Lieferpartnern und Dienstleistern zu verbinden und somit schon frühzeitig über wichtige Details wie Lieferschein, Unter- oder Überlieferung, sowie Verspätungen informiert zu werden. Diese Informationen fließen ebenfalls in unsere Planungs- und Analysetools mit ein.

Wir verfolgen die Vision, Versender, Speditionen und ihre Fahrer und Empfänger miteinander zu verbinden. Damit alle relevanten Informationen in Echtzeit vorliegen und in Prozesse einfließen. Besonders wichtig ist uns dabei, dass Effizienzgewinne zwischen den Parteien auch fair verteilt werden – das ist heute in der Logistik nicht immer selbstverständlich.

Eure Lösung sorgt also für den transparenten Durchblick im gesamten Lieferprozess. Ähnliche Produkte gibt es bereits am Markt. Was unterscheidet Euch von der Konkurrenz?

Das Problem ist groß und nicht neu, aber dennoch bei den meisten Firmen ungelöst. Es gibt natürlich bereits bestehende Lösungsansätze. Aus unseren Gesprächen mit Logistikern wissen wir aber, dass diese oft aus zwei Gründen scheitern:

Bisherige Lösungen adressieren leider nur einen Teil des Abstimmungsbedarfs (z.B. Slot-Booking). Den Teil lösen sie dann zwar, aber sie schaffen auf der anderen Seite neue Probleme in Form von Datensilos. Für diese müssen Firmen dann aufwendig Schnittstellen erstellen, oder auf manuelle Übertragungsprozesse zurückgreifen. Das erkennt der Mittelstand immer mehr als großes Problem. Wir versuchen mit TradeLink den gesamten Lieferprozess auf einer Plattform abzubilden, um das Silo-Problem zu vermeiden und sicherzustellen, dass jeder Mitarbeiter die relevanten Informationen für seinen Prozess hat.

Dazu kommt, dass bestehende Lösungen oft kompliziert sind. Klassische Software erfordert eine größere finanzielle Investition und vor allem ein aufwendiges Implementierungsprojekt. Das macht sie für mittelständische Unternehmen unattraktiv. Zur Zeiten von Corona sind große IT-Investitionen und Projektphasen noch weniger realisierbar als sonst. TradeLink ist ohne IT-Projekt sofort startklar und innerhalb weniger Stunden konfiguriert. Unseren Dienst rechnen wir einfach über eine flexible monatliche Gebühr ab (als sog. „Software as a Service“).

Ihr habt TradeLink erst Anfang des Jahres gegründet und verkündet nun diese Woche Eure erste Investitionsrunde. Die Berliner VCs Point Nine Capital und Fly Ventures investieren zusammen etwa 3 Millionen in TradeLink. Wie lief die Investorensuche in Zeiten von Corona ab, und wie habt ihr die VCs letztlich von Euch überzeugt?

Corona war in der Tat eine frühe Reifeprüfung für uns. Wir waren gerade mit den ersten Kunden live, als der Lock-down kam. In dem Moment ging es uns nicht anders als unseren Kunden. Während unsere Kunden Sorge hatten, dass ihnen die Umsätze wegfallen, hatten wir die Sorge, dass der gesamte Startup-Finanzierungsmarkt erstmal für eine Zeit austrocknet. Wir sind zwar selbstfinanziert gestartet, aber wir hatten uns viel vorgenommen und den klaren Plan die Plattform mit Investoren aufzubauen. Die Möglichkeiten an Kapital zu kommen, sind heute zwar etwas besser als befürchtet, aber wir hatten dennoch Glück.

Wieso Glück?

Pawel (Anmk. der Redaktion: Partner bei Point Nine) und Gabriel (Anmk. der Redaktion: Partner bei Fly Ventures) hatten sich jeweils den Logistik-Markt bereits vorher genauer angesehen und fanden unsere Vision einer einfachen Lieferketten-Zusammenarbeit („frictionless supply chain collaboration“) sehr spannend. Ich glaube ihnen war besonders wichtig zu sehen, dass wir unser Produkt sehr nah am Kunden entwickeln. Wir hatten zu dem Zeitpunkt der ersten Investorengespräche bereits knapp 300 Stunden in Kunden- und Expertenfeedback-Meetings investiert. Von daher hat es gut gepasst und wir sind froh, sie an Board zu haben. Beide sind absolute Profis, die schon viele ambitionierte Unternehmen erfolgreich mit aufgebaut haben.

Ihr hattet also Glück, dass die Investoren Euch schon vorher auf dem Zettel hatten?

Ich glaube vor allem Glück, dass sie den Markt bereits gut kannten und dass TradeLink und unser Team in dem Moment so gut zu ihren Kriterien gepasst haben. So ging es dann sehr schnell.

Was macht ihr mit dem Geld? Wie sieht Euer 12-Monats- und wie Euer 5-Jahres-Plan aus?

TradeLink ist eine kleine Familie von begeisterten UnternehmerInnen, die in den Herausforderungen der Logistik ihren großen Ansporn findet. Wir freuen uns, dass diese Familie jetzt weiterwächst, und haben bereits mit dem Ausbau unserer Produkt- und Entwicklungsteams begonnen.
Für die Zukunft haben wir uns mit unseren Investoren auf einen ambitionierten Plan verständigt. Ihnen war wichtig, dass wir uns vor allem weiter darauf konzentrieren, das Produkt in enger Abstimmung mit unseren Nutzern weiterzuentwickeln. Unser Ziel ist, ein Produkt zu entwickeln, das Nutzer für seine Einfachheit in Bedienung und seine Nützlichkeit lieben.

Aktuell sind wir noch vor dem offiziellen Marktstart, aber wir haben jetzt die Möglichkeit neue Kunden und Partner auf die Plattform zu nehmen und zu betreuen. Daher investieren wir fortan zunehmend in unseren Markenauftritt. Heute haben wir bereits Tausende von Lieferprozessen auf der Plattform vereinfacht und planen, diese Zahl in naher Zukunft zu verzehnfachen.

Euer Team ist quer in Deutschland verteilt. Was hat für Dich den Ausschlag gegeben, Remote-Working schon vor der Corona-Krise im Unternehmen zu etablieren?

Tatsächlich haben wir das Thema vor Corona bereits viel diskutiert. Aus unserer letzten gemeinsamen Gründung wussten Tobias (Gründer & CTO), Michael (Gründer & CIO) und ich bereits, dass Remote-Arbeit gut funktioniert, denn sowohl die Kunden als auch alle unsere Mitarbeiter waren über alle Kontinente verteilt. Dennoch waren wir uns anfänglich unsicher, ob das auch für ein Unternehmen funktioniert, das nah am Kunden sein muss und bei dem ein kreativer Austausch im Team wichtig ist. Corona hat diese Frage dann für uns beantwortet. Da meine Mitgründer und ich die Zeit des Lockdowns im März und April in verschiedenen Teilen Deutschlands verbracht haben, haben wir während dieser Zeit das Konzept „remote“ erstmal unfreiwillig intensiv getestet. Die Ergebnisse haben uns überzeugt. Von da aus war der Schritt dann klein, die Firma ortsunabhängig aufzubauen, und wir sehen klar einen Vorteil darin, ortsunabhängig die besten Leute einstellen zu können.

Ihr habt außerdem gerade einen ehemaligen Geschäftsführer von Transporeon für Euch gewonnen. Wie kam es dazu?

Stephan (Anmk. der Redaktion, Stephan Kniewasser, ehemaliger Geschäftsführer von Transporeon) ist natürlich inhaltlich ein großer Gewinn für uns und darüber hinaus ein schönes Zeichen dafür, dass wir auf einem guten Weg sind. Er kennt den Markt und die Herausforderungen und steht uns mit seiner Erfahrung zur Seite. Gerade in den Themen der Produkt- und Firmenstrategie.

Wir wurden tatsächlich erst vor ein paar Monaten einander vorgestellt. Er hatte gleich verstanden, was wir vorhaben und brachte spannende neue Impulse in die Diskussion. So war uns beidseitig schnell klar, dass das passen könnte. Seitdem ist er bei uns mit an Bord.

Hast Du Tipps für angehende Gründer?

Was wir sicher sagen können ist, dass Gründen in der Logistik einfach wahnsinnigen Spaß macht. Logistiker sind äußerst pragmatisch und optimierungswillig. Sie werden dir offen sagen, wenn etwas keinen Sinn für sie ergibt, und sind gleichzeitig entscheidungsfreudig, wenn etwas für sie funktioniert. Von daher wäre mein Tipp an alle zukünftigen Gründer sich der Branche anzunehmen. Es gibt genug zu tun.

Gleichzeitig empfehle ich jedem: Sprecht mit möglichst vielen Logistikern, um den Markt zu verstehen. Die Branche ist komplex, und wir selbst haben erstmal dutzenden Personen zugehört, bevor wir begonnen haben die ersten Hypothesen aufzustellen, mit welchem Produkt man gewisse Prozesse verbessern könnte. Dazu sind wir auch auf Höfe gefahren und haben uns mit LKW-Fahrern am Rastplatz unterhalten, um deren Tücken im Alltag zu verstehen. Das wäre also mein zweiter Tipp: sprecht mit Logistikern und Akteuren in der Logistikbranche so viel ihr könnt.

Das Gespräch führten Jacquelina Ilievski und Nikolai Posanok